Kinder mit ADHS – anstrengend, fordernd, wunderbar

Kritische Gedanken einer Mutter, die Mut machen …

ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität. Eine Störung mit vielen Gesichtern, die eine große Herausforderung für die ganze Familie darstellt. Und durch die im Kindergarten oder spätestens in der Schule meist massive Probleme auftreten.

Der Bewegungsdrang dieser Kinder ist enorm, das Schlafbedürfnis oft minimal. Sie können sich kaum alleine beschäftigen, sind leicht ablenkbar, fordern uns heraus, haben wenig Geduld und sind schnell frustriert, wenn etwas nicht so klappt, wie sie es wollen. Sie haben soziale Anpassungsschwierigkeiten, sind verhaltensauffällig und provozieren mit ihrem Verhalten nicht selten ihre Mitmenschen.

Sie rasten aus, zerstören ihr Spielzeug, fühlen sich durch Kleinigkeiten provoziert und schnell ungerecht behandelt, denn ihre Wirklichkeitswahrnehmung ist häufig gestört. Sie treten, schreien und werfen mit Gegenständen, halten Regeln nicht ein und sind manchmal kaum zu bändigen. Das bedeutet für sie selbst ein Anecken an allen Fronten.

Die Reaktion der Eltern

Ständige Ermahnungen. Streit in der Familie, in der Schule, in der Freizeit. Sie merken, ich bin anders als andere, können nicht damit umgehen, ein Gewusel im Kopf. Ein ständiges Wollen, aber Nicht-Können. Sie werden ausgegrenzt, in Schranken verwiesen und bestraft, weil sie aus den Schranken immer wieder ausbrechen. Ihre positiven Seiten gehen unter im Alltagsstress.

Die positiven Seiten sehen

Diese Kinder sind offen, interessiert und intelligent. Ihre Art zu denken ist anders, oft kompliziert. Aber auch schneller, und oft schon weiter als der Rest. Sie denken und reden hektisch und sprunghaft und wundern sich dann oft, wenn andere ihren Erzählungen nicht folgen können. Sie sind begeisterungsfähig, sprudeln schier über vor neuen Ideen und sind sehr kreativ! Sie sind phantasievoll, neugierig und wissbegierig. Wollen alles verstehen und hinterfragen.

Sie sind hilfsbereit, oft tierlieb und haben häufig einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sind sehr liebesbedürftig, brauchen viel Lob, sind sehr emotional, verzeihen meist schnell, sind verständnisvoll und tolerant. Sie sind sensibel und “hören das Gras wachsen”.

Sie sind freiheitsliebend, selbstständig denkend und risikobereit. Sie lassen sich von Regeln und Konventionen nicht aufhalten, wenn sie sie nicht verstehen. Sie haben oft überdurchschnittlich gute Teilbegabungen und wenn ein Thema ihr Interesse fesselt, dann können sie unermüdlich daran arbeiten und sich voller Einsatz darauf stürzen.

ADHS verstehen und die Umwelt nicht beachten

Doch leider gehen diese wunderbaren Eigenschaften im Alltag oft verloren. All”das bedeutet für die Eltern: Sie erreichen oft die Grenzen ihrer Geduld. Alles muss man mehr als nur ein paar Mal sagen. Manchmal wissen wir nicht weiter und uns kommen die Tränen vor lauter Hilflosigkeit. Oft ist alles so anstrengend und schwierig.

Unsere Worte erreichen unser Kind nicht, es scheint in seiner eigenen komplizierten Welt gefangen. Es helfen weder Bitten noch Strafen. Manchmal wissen sie selbst nicht, was sie tun, sie sind so verzweifelt in einer Situation, die sie überfordert.

Meist sind es völlig alltägliche und belanglose Dinge, denen wir kaum Beachtung schenken, mit denen sie nicht umgehen können und die sie oft ohne Vorwarnung aus der Bahn werfen. Das Kind ist außer sich und es nimmt in diesen Momenten – die durchaus auch mal ein paar Stunden dauern können – seine Umwelt kaum wahr.

Im Gegensatz zu uns! Nachbarn gucken, Passanten schütteln die Köpfe, von Familie und Freunden kommen gut gemeinte Ratschläge oder auch offene Kritik. Und Bekannte ziehen sich mehr und mehr zurück. Wollen wir das Kind tröstend in den Arm nehmen, stößt es uns weg. Lächeln wir es an, schlägt es uns im schlimmsten Fall ins Gesicht.

Und manchmal können wir nicht anders, als unser Liebstes voller Glückseligkeit in unserem Arm zu halten. Manchmal ist unser Kind der reinste Engel, wunderschön und herzenslieb. Es kuschelt sich an uns und wenn es dann lächelt oder mit strahlenden Augen “Ich hab tich lieb” nuschelt, geht in unserem Herzen die Sonne auf!

Die Stimmungsschwankungen dieser Kinder sind oft heftig und für uns teilweise weder vorhersehbar noch erklärbar. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ändert sich plötzlich ihr Verhalten, wo gerade noch lustig gespielt und gelacht wurde. Das Umfeld reagiert oft entsprechend: wütende, trotzende (Klein-)Kinder werden als Erziehungsfehler missdeutet und die Eltern, teils verzweifelt und mit ihrer Kraft am Ende, ziehen sich zurück.

Kopfschüttelnde, fremde Menschen im Bus und Verwandte mit Erziehungstipps oder gar Vorwürfen machen die Sache nicht leichter und sind keine Hilfe. Der Kinderarzt, auf die Probleme angesprochen, beruhigt uns, das verwächst sich. Es ist halt ein lebhaftes Kind. Gesund, und mit einem eigenen Willen. So sind Kinder nun mal.

Auch Kinderärzte sind oft nicht die richtige Wahl

Die wirklichen Probleme im Umgang mit dem Kind werden entweder nicht ernst genommen oder in tiefenpsychologische Bereiche geschoben. Mit einer Empfehlung der nächsten Erziehungsberatungsstelle und einer Überweisung zum Kinderpsychologen -oder psychiater gehen wir verwirrt nach Hause.

Sprechen wir den Kinderarzt beim nächsten Besuch noch einmal auf das Problem an, erhalten wir kurzerhand ein Rezept. Betroffene Eltern wissen, wovon ich rede. Jetzt ist es also soweit: Pillen für den Zappelphillip. (Vielleicht helfen sie, vielleicht sind sie eine Lösung? Ich weiß es nicht, ich habe mich damals dagegen entschieden.)

Auch in der Schule herrscht oft Unverständnis

In der Schule spitzt sich die Lage dann zu. Das Kind ist unruhig, ruft dazwischen, vergisst ständig die Hausaufgaben und sein Arbeitsmaterial ist meist unvollständig, verknittert und fleckig.

Das Kind gibt sich verzweifelt große Mühe, doch irgendwie klappt es nie so gut, wie bei den anderen und irgendwann gibt es vielleicht einfach enttäuscht auf. Es ist intelligent, lernt schnell, vergisst schnell, interessiert sich für viele andere Dinge. Die Fliege an der Wand ist plötzlich wichtiger als die Dinge an der Tafel. Es strengt sich an, sehr sogar, denkt mit, stellt Fragen, ohne aufzuzeigen, will wissen, wie die nächsten Buchstaben heißen und warum die Lehrerin Heute so einen bunten Pullover trägt.

Die sozialen Schwierigkeiten werden immer deutlicher. Diese Kinder sind oft distanzlos in ihrer Annäherung an andere Dinge und Menschen. Sie erfahren dadurch natürlich häufig Ablehnung und werden zurückgewiesen. Da sie den Grund der Zurückweisung nicht verstehen, setzen sie sich in der Folge oft einfach über die Regeln der sozialen Umgangsformen hinweg und entwickeln schlimmstenfalls eine starke Aggressivität.

Oder sie ziehen sich aufgrund der häufigen Verletzungen und Abweisungen in sich zurück, entwickeln Ängste und es ist später sehr schwierig einen offenen Zugang zu ihnen zu finden. Die Lehrer sind häufig nicht in der Lage adäquat auf solche Kinder einzugehen.
Es gibt wunderbare, engagierte Lehrer, aber die Klassen sind zu groß und die Lehrpläne drängen!

ADHS-Kinder passen in kein Raster. Sie brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, Lob, Ermutigung und ganz spezielle, auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse angepassten Lehrmaterialien. Häufig leiden sie zusätzlich unter einer Teilleistungsschwäche, wie beispielsweise Legasthenie. Im Regelunterricht gehen sie oft einfach unter.

Sie reagieren mit Unruhe, Trotz, Agressivität oder spielen den Klassenclown. So werden sie zum Sündenbock, Störenfried, Leistungsverweigerer, Zappelphillip, faul und unbequem. Ausgemustert.

Statt wirklicher Hilfe bekommen sie Extrastunden, einmal in der Woche – und die Schule wirbt mit individueller Förderung. Schnell werden sie abgestempelt. Auch von den Mitschülern. Immer wieder gibt es Probleme. Und das Kind weint zu Hause. Wütet verzweifelt umher. Oder verkriecht sich. Will da nicht mehr hin. Schläft schlecht und macht vielleicht sogar wieder ins Bett.

Diese Schüler sind zu laut, zu unruhig, zu verträumt, vergessen ihr Arbeitsmaterial, sind anstrengend und unbequem. Irgendwann sind sie nicht mehr tragbar in dieser Klasse. Die Lehrer leiten alles in die Wege. Verzweifelt schauen die Eltern zu. Aber es ist das Beste für das Kind. Natürlich glauben wir den Lehrern. Sie haben Erfahrung. Sonderschulen quillen über. Kinder mit teils überdurchschnittlicher Intelligenz sitzen dort, weil die Regelschule sie abschiebt. Ihre Sitznachbarn sind lernbehindert, manche können kaum ihren Namen schreiben. Die sozialen Umgangsformen in vielen Sonderschulen sind grauenhaft. Gewalt ist an der Tagesordnung. Die Lehrer sind oft wirklich kompetent und engagiert, aber machtlos. Mancher Direktor schließt sich im Büro ein.

Diagnostik von ADHS

Das Kind wird getestet – Diagnose ADHS. Eine Ausschlussdiagnostik einer nicht klar fassbaren Störung. Einer Stoffwechsel- und Funktionsstörung im Gehirn mit vielen, verschiedenen Symptomen. Allerlei muss-nicht-unbedingt-und-kann-sein-Symptomen. Lange Gespräche beim Kinderpsychiater. Ausführliche Anamnese der gesamten Familien- und Lebensgeschichte von der Schwangerschaft über die ersten wackligen Schritte bis Heute. Intime Details offen legen. Unzählige Fragen fremder Psychologen beantworten. Fragebögen für die Eltern, Lehrer, Therapeuten.

EEG, Bluttest, medizinische Untersuchungen. Und, nachdem alles andere ausgeschlossen werden konnte – die Diagnose: ADHS.

Und was geschieht dann?

Therapie der ADHS

Therapie – Psychomotorik, Hippo- und Ergotherapie, Spiel- Verhaltens- und Psychotherapie, Elterntraining. Zwischendurch immer wieder der Ratschlag der Therapeuten, es mit Stimulanzien zu versuchen. Meist Tabletten mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Sie wirken nur zeitlich begrenzt, sind manchmal aber eine echte Hilfe. Für das Kind. Und für sein Umfeld.

Pillen für den Störenfried. Drogenverabreichende Eltern, wie kann man nur! Ruhigsteller, Bravmacher. Die Liste der Kritiker ist lang. Entscheiden sich die Eltern dagegen, ist es auch nicht richtig.

Der (wohl) richtige Weg als Eltern

Sie nehmen dem Kind die Chance auf eine bessere Entwicklung. Im schlimmsten Fall wird ihnen vorgeworfen, das Kindeswohl zu gefährden, da sie dem Kind eine wichtige Form der Therapie verweigern. Wir als Eltern sind bereit, alles zu tun. Wir kennen unser Kind am Besten und hier sind wir die Experten!

Wir erleben mit unserem Kind Tag und Nacht die Höhen und Tiefen, die Verzweiflung, die Wutanfälle und die Glücksmomente. Wir feiern mit ihm jeden neuen Schritt seiner Entwicklung und staunen mit ihm über die kleinen Wunder dieser Welt. Wir sind dem Unverständnis, der Meinung und den Blicken fremder Menschen ausgesetzt, wenn es sich in der Öffentlichkeit wieder einmal unmöglich benimmt.

Das Kind bekommt zu viel Aufmerksamkeit, zu wenig Aufmerksamkeit, wird falsch erzogen, ist Scheidungskind, Einzelkind, hat zu viele Geschwister, ist Mittelkind, Nesthäkchen, Ältestes, vernachlässigt, zu behütet, Mutter ist berufstätig oder allein erziehend, die Mutter ist zu jung oder der Vater zu streng. Es ist unglaublich, welche Erklärungen für das auffällige Verhalten der Kinder oft gesucht und gefunden werden!

Wir kennen die Schwächen und die Stärken unserer Kinder. Wir erleben tagtäglich das Lachen, die Probleme und Anstrengungen unserer Kinder. Wir geben unser Bestes. Wir gehen nach durchwachten Nächten und stundenlangem Geschrei ganz nah an unsere Grenzen. Fühlen uns verzweifelt, mutlos, hilflos. Aber wir schaffen es!

Stehen immer wieder auf. Suchen Hilfe, informieren uns. Und wir lieben sie so, wie sie sind! Wir kämpfen. Für unsere tollen Kinder! ADHS – diese besondere Störung wächst sich nicht aus. Die Kinder, die Eltern und ihre Umwelt müssen lernen, damit umzugehen.

ADHS weiter verbreitet als man denkt

Neurologen, Psychiater und Therapeuten fanden in den Biografien vieler bekannter Personen deutliche Hinweise auf ADHS. Betroffen sind Künstler ebenso wie Wissenschaftler: Johann Wolfgang von Goethe, Napoleon, Astrid Lindgren, Thomas Edison, Einstein, W. Churchill, Salvador Dali, Abraham Lincoln und Edgar Allan Poe. Diese Liste ist nicht vollzählig!

ADHS-Kinder sind – ebenso wie jedes Kind auf dieser Welt – einzigartig und besonders und sie verdienen unsere ganze Liebe! Das Leben kann auch trotz – oder gerade wegen ADHS gelingen! Und sogar sehr erfolgreich und mit glücklich sein!

Jeder Betroffene muss seinen eigenen, ganz individuellen Weg finden. Und dieser liegt bei ADHS oft außerhalb der üblichen, ausgetretenen Pfade!

Redaktion

Danke!

Für meine Kinder… ich liebe Euch!