Tourette Syndrom – was tun, wenn das Kind Tics hat

Tics im Kindesalter können nur vorübergehend und von harmloser Natur sein, die mit zunehmendem Alter wieder von selbst verschwinden. Zu 90 Prozent bilden sich diese Tics auch bis zur Adoleszenz wieder spontan zurück. Bei 10 Prozent der Kinder bleiben diese jedoch in leichter bis schwerer Ausprägung bestehen und verlaufen chronisch. Was können Eltern tun?

Wie viele Kinde sind überhaupt von Tics betroffen?

Bei rund 1 Prozent aller Kinder treten Tics mit vokalen und motorischen Störungen auf. Dabei sind diese unterschiedlich stark ausgeprägt. Rund 15 Prozent aller Kinder in der Grundschule leiden unter Tic-Störungen. Viele Eltern erkennen dabei nicht sofort, dass es sich um ein spezifisches Krankheitsbild, dem Tourette-Syndrom, handelt. Bei rund 90 Prozent aller Kinder bilden sich diese Symptome jedoch bis zum Erwachsenenalter wieder zurück. Bei etwa 10 Prozent bleiben diese bestehen. Bis zur konkreten Diagnosestellung können bis zu 10 Jahre vergehen.

Können Kinder geheilt werden?

Generell ist zu sagen, dass Tic-Störungen einen überwiegend positiven Verlauf haben. Die spontane Rückbildung liegt bei 90 Prozent. Bei bleibenden Tics helfen in erster Linie die Psychoedukation, die gleichzeitig auch die Basis jeder Therapie darstellt. Dadurch werden die Kinder deutlich von ihren Symptomen entlastet. Sollte das Tourette-Syndrom stärker ausgeprägt sein, so ist eine spezifische Behandlung notwendig. Dies ist ebenso bei Vorliegen von Komorbiditäten wie Zwänge, Ängste, ADHS, Autoaggression, Depressionen und Dysregulation der Fall, die zu einer starken Beeinträchtigung in der Lebensqualität des Kindes führen können.

Grundsätzlich gilt aber, dass das Tourette-Syndrom nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht geheilt werden kann. Vielmehr können unterstützend Neuroleptika eingesetzt werden, die jedoch bisher nur in wenigen kleinen Studien eingesetzt und beobachtet wurden. Allerdings raten viele Experten dazu, dass vor dem Einsatz von Pharmaka stets eine Verhaltenstherapie erfolgen sollte. Schwere Ausprägungen können im Erwachsenenalter mittels Hirnstimulation behandelt werden. Eine eindeutige Therapie kann somit nicht gegeben werden. Vielmehr muss der Einzelfall betrachtet werden.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Das Tourette-Syndrom, welches nach Georges Albert tdouard Brutus Gilles de la Tourette benannt ist, stellt eine neuropsychiatrische Störung dar, die im Kindesalter beginnt und von mindestens einem vokalen und mindestens zwei motorischen wiederkehrenden mehr oder weniger intensiven und komplexen Tics gekennzeichnet ist. Diese können plötzlich einsetzen. Dabei können vokale und motorische schnelle Bewegungen und Lautproduktionen bedeutungs- und zwecklos sowie nicht rhythmisch sein. Häufig erleben Betroffene Tic-Anfälle als äußerst unangenehm. Sie versuchen diese willentlich zu unterdrücken. Bei Kindern gelingt dies noch nicht ganz so gut wie beim Erwachsenen.

Wie äußern sich Tics?

Tics setzen plötzlich ein, werden aber als “premonitory urge” von vielen Betroffenen vorher unangenehm gespürt. Sie können einen chronischen Verlauf haben, einzeln auftreten, vorübergehender Natur sein oder aber serienmäßig auftreten. Ärzte unterscheiden zwischen motorischen und vokalen, einfachen und komplexen Tics. Dabei können zwanghaftes Augenzwinkern, Grimassen schneiden, Schimpfwörter, bestimmte wiederkehrende Bewegungen, Pfeifen bis hin zu Nachahmen bestimmter Lautfrequenzen anderer Personen zum Vorschein kommen.

Wann beginnen Tics bei Kindern?

Die meisten Tics beginnen bei Kindern im Grundschulalter. Sie kommen eher schleichend und setzen zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr ein, wobei in der Regel motorische Tics etwa zwei bis drei Jahre früher als vokale Tics einsetzen. Anfänglich konzentrieren sich leichte Tic-Anfälle auf den Kopf- und Gesichtsbereich, nehmen dann im weiteren Verlauf stärker zu und erreichen zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr bezüglich der Intensität und Ausprägung ihren Höhepunkt. Danach bilden sich diese zu 90 Prozent aller Betroffenen wieder spontan zurück.

Welche Begleiterscheinungen können auftreten?

Neben dem Tourette-Syndrom können sogenannte Komorbiditäten bei rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen auftreten. Dabei sind diese häufig abhängig von der Intensität der Tics. Je schwerer der Verlauf des Tourette-Syndroms ist, desto schwerer können sich auch die Begleiterscheinungen auswirken.

Zu den häufigsten Komorbiditäten gehören zu 50 bis 90 Prozent das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie Ängste und Zwänge. Hinzu kommen können bei Kindern zudem emotionale Dysregulationen, Teilleistungsstörungen, generelle Störungen im Sozialverhalten, Impulskontrollstörungen und Autismusspektrumstörungen (ASD). Erwachsene leiden häufiger unter Zwängen, Suchterkrankungen und Depressionen, aber auch unter Autismusspektrumstörungen und Schlafstörungen.

Was können Eltern tun?

Für Kinder mit Tourette-Syndrom spielt in erster Linie die Familie eine große Rolle. Sie ist das Herzstück und ist der Kraftgeber. Nebenbei stellt auch der Lehrer eine gewisse Bezugsperson dar. Da Tics von der Außenwelt, also dem Umfeld des Kindes wahrgenommen werden, kommt es gerade unter Kindern häufig zu Hänseleien und Ausgrenzungen. Hier können viel Zuneigung und gutes Zureden helfen, aber auch eine Verhaltenstherapie mit der sogenannten „Reaktionsumkehr-Behandlung” (HRT) in Anspruch genommen werden. Generell sollten Kinder mit Tourette-Syndrom nicht übermäßig “bemuttert” werden.

Kinder mit Tics sollten wie alle anderen Kinder ganz “normal” behandelt werden, damit sie verstehen, dass sie zwar ein “besonderes Syndrom” haben, aber dennoch nicht anders als alle anderen Kinder sind. Sie sind gleichwertig anzusehen und sollten von Eltern nicht von anderen Kindern abgesondert werden. Vielmehr ist auf eine gut fruchtende Integration zu setzen. Eltern sollten ihren Kindern zu verstehen geben, dass sie etwas ganz Besonderes sind und ebenso gut Fußball spielen, Klavier spielen oder zum Musikunterricht gehen können.